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Liebe Gemeindemitglieder,

nach sieben Jahren gilt es Abschied zu nehmen.

Wie Sie wissen, werden Franz Schilling und ich Mitte August nach Stuttgart umziehen und ich werde im September eine neue Aufgabe im Evangelischen Oberkirchenrat in Stuttgart übernehmen.

Ich weiß: viele von Ihnen hätten sich noch eine etwas längere gemeinsame Wegstrecke gewünscht in meiner ‚Verlängerungszeit‘, auch wenn klar war, dass der Abschied von London-West in absehbarer Zeit kommen würde. Aber nun hat sich eine konkrete neue Herausforderung gestellt und ich freue mich, dass meine ‚Heimat-Landeskirche‘ in Württemberg mir zutraut, im Bereich Aus- und Fortbildung für den Pfarrdienst und rund um die theologischen Examina Verantwortung in einer Leitungsaufgabe zu übernehmen.

Jetzt dominiert erst einmal der Abschied und der Blick zurück.

Was war das für eine Stimmung im Jahr 2012, als wir zwischen dem Ende der Olympiade und dem Beginn der Paralympics in London ankamen! Eine einladende, fröhliche und selbstbewusste Atmosphäre prägte die Stadt. Mit Kummer schauen wir jetzt auf die Verbissenheit und Lähmung, auf die Verhärtung und Spaltung, die das Land derzeit bestimmen. So viel Energie und guter Wille, die da auf der Strecke bleiben und die für so viele Dinge dringend gebraucht würden! So viel Verunsicherung bei denen, die sich hier zuhause wussten und jetzt ihren Standort neu bestimmen müssen! Gleichzeitig ist es gut wahrzunehmen, dass es auch in Brexitzeiten viele Signale der Verbundenheit und Freundschaft gibt, gerade auch zwischen den Kirchen.

Schaue ich auf diese sieben Jahre, dann bin ich perplex, wie kurz sich diese Zeit im Rückblick anfühlt, obwohl – oder weil? – es so dicht gefüllte Jahre waren, mit so vielen gemeinsam gefeierten Gottesdiensten, mit fröhlichen und nachdenklichen Gesprächen über Gott und die Welt, mit jeder Menge Sitzungen und Besprechungen, mit sieben lebendig-bunten Konfirmandenjahrgängen, mit besonderen Begegnungen mit Taufeltern, Brautpaaren, oder Angehörigen, die Abschied von einem Menschen nehmen mussten, der zu ihrem Leben gehört hatte.

Ich denke an Highlights wie das Reformationsgedenken in der Westminster Abbey oder die Ausstellung in St Georg im Londoner East End im Jahr 2017, an besondere Gottesdienste oder Predigten in Colleges in Oxford und Cambridge, aber auch an leise, besondere Momente, etwa als zum ersten Mal ein Männerpaar in der Christuskirche in einem Traugottesdienst um Gottes Segen für den gemeinsamen Weg bat.

 

Beim Blick zurück ist es vor allem Dank, der mich bewegt und erfüllt: der Dank an Menschen, für die ich in diesen sieben Jahren Weggefährte auf Zeit war. Der Dank an die vielen Gottesdienstbesucher und Gemeindemitglieder, der Dank und Respekt für die vielen ehrenamtlich Engagierten in den Gremien, in den Küsterteams, bei Konfirmandenwochenenden, als Prädikantinnen und Prädikanten und vielem, vielem mehr.

Ich denke an Cornelia Hole, Laura Artes, Verena Schlarb und zuletzt Jonas Keller und bin dankbar für die so wichtige kollegiale Zusammenarbeit im Pastoralteam von London-West. Dankbar denke ich an die Kooperationspartnerinnen und -partner in den deutschsprachigen Gemeinden, beim German YMCA, in der Ökumene, an der deutschen Botschaft und in den Einrichtungen der deutschen Community.

Neben den Menschen haben aber auch die Orte, an denen ich in dieser Zeit Gottesdienst feiern konnte, einen besonderen Platz in meinem Herzen: der weite Raum der URC-Kirche in Reading; der vertraute, kleine Kreis in St Mary’s in Ash Vale, der nie ohne die letzte Strophe von Matthias Claudius‘ Abendlied auseinanderging; die unterschiedlichen Gottesdienstorte und -formate in Ham, mal mit Klavier im lichten Seitenschiff, mal mit Orgel im farbenglänzenden Hochchor von St Andrew’s; und schließlich der neugotische Kirchenraum der Christuskirche, der für kleine wie festlich-volle Gottesdienste eine freundliche und bergende Hülle ist.

Eine freundliche Heimat auf Zeit war für Franz und mich auch das Pfarrhaus in Barnes, als Ruhe- und Kontrastpunkt zu den vielen Fahrten in der Region und zum Lärm einer Metropole.

Es war ein Privileg, mit euch, mit Ihnen unterwegs zu sein. Das Vertrauen, das Sie mir und Franz, der ja ebenfalls vielfältig engagiert war in den Gemeinden, entgegengebracht haben, war ein Geschenk, das weiterwirkt, in Ihnen und in uns, und das wir mitnehmen als eine kostbare Gabe in eine neue Etappe unseres Weges.

Ich bitte Sie um Nachsicht, wo in der Fülle der Dinge etwas zu kurz gekommen ist und um Vergebung, wo ich Ihnen etwas schuldig geblieben bin. Mir ist sehr bewusst, wie fragmentarisch alles Wirken in der Gemeinde ist und bleibt.

Die Botschaft von Gottes Barmherzigkeit und Zuwendung ist der rote Faden in unseren Gottesdiensten. Das ist es, was ich in sieben Jahren als Prediger und Seelsorger in London und Oxford, im gemeinsamen Hören, Fragen und Nachdenken mit euch und mit Ihnen gemeinsam immer wieder neu entdecken wollte, was wir immer wieder neu gefeiert haben. Diese Botschaft von Gottes Barmherzigkeit, die jedem einzelnen von uns gilt, aber die auch in einer oft unbarmherzigen Welt wirksam werden soll.

Meine neue Aufgabe wird nicht mehr im Gemeindepfarramt sein. Und ich ahne sehr wohl, was mir da fehlen wird, an unmittelbaren Begegnungen in Gottesdiensten, in Gesprächen, in der Seelsorge. Aber auch in meiner neuen Aufgabe wird es darum gehen, Menschen darin zu unterstützen, die Botschaft von Gottes Barmherzigkeit zur Sprache zu bringen und gemeinsam mit anderen in der Gemeinde und in der Welt wirksam werden zu lassen.

Ich werde, so Gott will, mithelfen, junge Männer und Frauen in diesen Zeiten der Veränderung für das Theologiestudium und den Pfarrberuf zu interessieren. Ich will mit dafür sorgen, dass sie in der Ausbildung ihre Gaben und Kenntnisse entfalten können, dass sie gefördert und herausgefordert werden. Aber es wird auch darum gehen, erfahrenen Pfarrerinnen und Pfarrern Lernorte zu geben, damit sie ein Berufsleben lang gut und gerne und wohlbehalten an Leib und Seele ihren Dienst tun können.

Das kann nur gelingen, wenn sie genau wie jeder Christenmensch aus dieser Quelle schöpfen: aus dem Vertrauen, dass wir mit unserem bruchstückhaften Leben, als unvollkommene Menschen von Gott angenommen und geliebt sind und gebraucht werden. Und dass diese herzliche Barmherzigkeit Gottes in Christus Mensch geworden ist, für uns.

Mit dieser großen Zusage und Herausforderung gehen wir nun weiter, Sie in den drei Gemeinden in London-West, und Franz und ich auf einer neuen Etappe im deutschen Südwesten.

Wir wünschen Ihnen Zuversicht für die Übergangszeit und einen wachen Sinn für das, was es zu tun und zu lassen gilt. Wir wünschen Ihnen ein gutes Gespür für die Stärken, die Sie als engagierte Auslandsgemeinden haben: das Kraftzentrum der Gottesdienste, die Gemeinschaft untereinander und die Ausstrahlung weit über die Gemeinden hinaus.

Danke also – und bleiben Sie behütet! Oder, mit einer Liedzeile, die viele von euch und Ihnen kennen:

„Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand!“

Herzlich grüßt, auch von Franz Schilling

Ihr und euer Georg Amann