Karin Purcell

Mit dieser Ausgabe des Gemeindebriefes beginnen wir eine Reihe von Interviews mit Persönlichkeiten, die sich in unseren Gemeinden engagieren. Wir beginnen mit Frau Karin Purcell, die seit diesem Jahr Vorsitzende des Gemeindekirchenrates der Christuskirche ist.


Geburtsort: Stellenbosch, Süd Afrika

Schule und Studium: Rhenish Girls High School, Stellenbosch; Bachelor in Kunstgeschichte und Grafik, Universität von Stellenbosch

Beruf: Designerin, später Director of Design in Kapstadt, Hamburg und Johannesburg

Verheiratet seit 33 Jahren mit Alastair Purcell (aus Kapstadt),

Seit 1989 in London: berufstätig als Director (Brand Identity), dann Geburt der Kinder: Emma (*1991) und Frederick (*1993); von 2010 bis 2018 Director of Development, Marymount International School, verantwortlich für Fundraising, Communications und Marketing


Frau Purcell, seit einigen Monaten nehmen Sie das Amt der Vorsitzenden im Gemeindekirchenrat der Christuskirche wahr. Wie sind Sie dazu gekommen, sich in der Kirchengemeinde zu engagieren? Und was macht eigentlich ein Gemeindekirchenrat?

Nach den Taufen meiner Kinder in der Christuskirche 1991 und 1993 wuchs mein Engagement in der Gemeinde in erster Linie im Bereich des Kindergottesdienstes. Schon als Schülerin, nach meiner Konfirmation in Stellenbosch, Süd Afrika, hatte ich Freude, als Helferin im Kindergottesdient mitzuwirken. In der Christuskirche leitete Frau Helga Ratcliff damals den Kindergottesdienst und organisierte das jährliche Kindergottesdienst-Seminar für die Synode. Dort fand ich die Treffen und den Austausch mit anderen Ehrenamtlichen in Groß Britannien besonders anregend. Das Thema Religion und Gottesdienst im Ausland in der Muttersprache, packte mich zunehmend. Als ich dann 1997, als Gemeindekirchenratsmitglied kooptiert wurde, war ich richtig neugierig auf neue Aufgaben, die ich mit Freude anpackte, soweit es mein Familienleben und später mein Berufsleben erlaubte.

Ein Gemeindekirchenrat trägt viel Verantwortung. In erster Linie müssen die Finanzen stimmen. Als Gemeinde stehen wir finanziell auf eigenen Füßen, ohne Unterstützung von der Evangelischen Kirche Deutschland. Dafür brauchen wir eine lebendige, engagierte Gemeinde, die durch Mitgliedsbeiträge unser Bestehen ermöglicht. Dass wir in der schönen Christuskirche, unter sehr vorteilhaften Bedingungen, ein permanentes Zuhause haben, haben wir der German Christ Church London Charity zu verdanken. Aber für alltägliche Instandhaltung, Reparaturen, usw. sind wir selber verantwortlich.

Ein Gemeindekirchenrat ist auch verpflichtet die legalen Anforderungen der Charity Commission und des Companies House einzuhalten.

Dass wir dies überhaupt schaffen haben wir unserem tollen Treasurer Team, Tina Armbrust und Michael Grünert zu verdanken. Als Ehrenamtliche ist Tina Armbrust für den Löwenteil der alltäglichen finanziellen Pflichten zuständig und bringt eine gewaltige Leistung auf.

Unser Gemeindekirchenrat besteht aus fleißigen, hoch engagierten Ehrenamtlichen. Für ihren treuen Einsatz, ihren Team-Geist und ihre Unterstützung können wir als Gemeinde zutiefst dankbar sein.

Welche besonderen Ereignisse und Höhepunkte hat es im Rückblick gegeben, wenn Sie auf Ihr langjähriges Engagement im Gemeindekirchenrat schauen?

St Martin! Als unser kleiner St Martins Umzug, den wir Jahrelang mit meist 40 bis 50 Kindern im Zug durch die Gassen in Knightsbridge gestalteten, sich plötzlich 2006 mehr als verdoppelte, mussten wir schnell umdenken und umplanen. Die anschließende Bewirtung von fast 200 Kindern mit Eltern im Bonhoeffer-Saal, mit Waffeln und Getränken, war 2006 nicht mehr zu verantworten. Unsere Sorge war, dass die Gemeinde den Umzug in Zukunft notgedrungen absagen müsste. Daraufhin haben Pastorin Amelie Goldacker und ich, zusammen mit Angelika Holdreich von ‚Heidi und Peter‘ uns entschieden, den Umzug völlig neu zu gestalten. Die ersten Kontakte wurden zum Westminster Council, Royal Parks und der Metropolitan Police geknüpft, und damit fand in 2007 der erste Laternenumzug im Hyde Park statt mit einer Straßensperrung in Montpelier Place. Dank des Einsatzes von Nora und Christian Daur, einige Jahre später, wuchs das Angebot und damit der Erfolg des Umzugs. Ich finde es eine enorme Leistung, dass wir als Gemeinde mit so viel Unterstützung von Ehrenamtlichen diesen Event weiterhin stemmen. Es gibt immer noch die Möglichkeit mit neuen Ideen den Umzug als Aushängeschild für die Christuskirche und unsere Gemeindearbeit zu entwickeln.

In den Londoner Kirchengemeinden begegnet man Menschen aus ganz verschiedenen Lebens- und Berufszusammenhängen. Wäre es nicht reizvoll, deren Erfahrungen und Fachwissen, deren Gaben und Talente in die Arbeit des Gemeindekirchenrates und in Handlungsfelder der Gemeindearbeit einzubringen?

Für Hilfe, Ideen und neue Impulse sind wir immer offen. Ich verstehe aber nur zu gut wie hektisch das Großstadtleben in London ist und wie schlimm der Zeitmangel sein kann. Trotzdem lade ich zur Mitarbeit ein. Wir sind eine spannende Gemeinde im Herzen von London und die Aufgaben fördern ein interessantes und gutes Gemeinschaftsleben!

Die Pfarrstelle im Pfarramtsbereich London – West soll zum 1. August 2020 wiederbesetzt sein. Was wünschen Sie sich von der neuen Pastorin bzw. dem neuen Pastor?

In erster Linie sind wir, als Gemeinde, eine niveauvolle Predigttradition gewohnt. Mit gut fundierter Theologie schenkt uns Gottes Wort Orientierung und Halt. Damit bleibt der Gottesdienst in diesen turbulenten Zeiten aktuell und anziehend. Da wir keine Ortsgemeinde sind und die meisten Mitglieder eine weite Anreise haben, muss das Angebot an der Christuskirche umso bedeutender und hilfreich sein. Von dem/der Pastor/in erhoffe ich die Fähigkeit, dieses Bedürfnis zu erkennen und zu erfüllen. Ich wünsche mir auch, dass Aufbau und Entwicklung der Gemeinde im Vordergrund stehen. Für neue Anstöße und Ideen sind wir bestimmt offen. Die Arbeit mit Konfirmanden und Taufeltern bleibt ein Schwerpunkt für die Gemeindeentwicklung.

Für die im November diesen Jahres 115 Jahre alt gewordene Christuskirche stehen Umbau- und Sanierungsmaßnahme an. Können Sie uns sagen, welche Maßnahmen vorrangig sind?

Wir sind in der glücklichen Lage, dass die Planung für eine Renovierung/Sanierung der Christuskirche schon begonnen hat. Auf die Zusammenarbeit und Unterstützung der Trustees von der German Christ Church London Charity können wir uns verlassen. Mit einer renovierten Küche, ordentlichen Toiletten, Zugang für Behinderte, und sonstige Modernisierungen wird eine erweiterte Nutzung unsere Kirche vorstellbar sein.

Um unsere Ideen und Zukunft Planung umzusetzen wünsche ich mir einen dynamischen Theologen, Prediger, Kommunikator, Administrator, Seelsorger als Pastor/in. Man kommt in Versuchung die Liste endlos zu verlängern. Ich bin gespannt, ob es so eine Person gibt, ich lass mich gerne überraschen.

Welche Menschen haben Ihre Entwicklung im Glauben wesentlich beeinflusst?

Meiner Vorfahren, die zwischen 1860 und 1890 von Deutschland nach Süd-Afrika ausgewandert sind, waren zum Teil Missionare und lebten in kleinen deutschsprachigen Gemeinden, wo Kirche, typisch für die Zeit, im Mittelpunkt stand. Dieser Hintergrund hat meine Kindheit in Süd-Afrika sehr geprägt. Der größte Einfluss aber kam von meinem Vater, der als Akademiker, Organist, Komponist und Bach-Fachmann, in der Tradition der evangelischen Kirchenmusik tiefen Trost und Lebensinhalt fand. Die Kirchenmusik bleibt für mich ein unmittelbarer Ausdruck von Glaube, Liebe und Hoffnung. Unzählig viele andere Personen, vor allem Pastoren, haben mich über die Jahre begleitet und in der Entwicklung im Glauben beeinflusst. Zum Glück nimmt Entwicklung und Wachstum im Glauben kein Ende. Ich lerne immer neues dazu.

Frau Purcell, vielen Dank für das Interview!

Das Interview mit Karin Purcell führte Pastor H. Keitel